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NESSELSUCHT
  • „Viele Patienten sind durch Antihistaminika nicht ausreichend versorgt“, sagt Nesselsucht-Experte Prof. Marcus Maurer von der Charité Universitätsmedizin Berlin im Interview.
  • Bei Nesselsucht ist die Suche nach Auslösern laut Prof. Maurer der wichtigste Therapieschritt – dabei sei der Arzt auf die Mithilfe des Patienten angewiesen. Dennoch werde nicht immer eine behandelbare Ursache gefunden. Besonders belastend sei diese Situation für Patienten mit chronischer Nesselsucht, denen Antihistaminika nicht ausreichend helfen.

Interview - Dr. Uwe Schwichtenberg, Dermatologe aus Bremen

„Das ist ganz wichtig, dass es eben therapeutische Möglichkeiten gibt einzugreifen, eben auch bei jahrelangem Verlauf.“

Nesselsucht – Die Haut im Alarmzustand

Bei Nesselsucht juckt und brennt die Haut

Es gibt gute Gründe, warum sich die medizinische Krankheitsbezeichnung der „Nesselsucht“ direkt vom lateinischen Namen „Urtica“ (zu Deutsch: Brennnessel) ableitet. Wenn plötzlich die Haut reagiert, als hätte man sie mit einem Bündel Brennnesseln berührt, dann ist das der klassische Hinweis auf eine „Urtikaria“, wie die Nesselsucht in der Fachsprache heißt. Die Haut in den betroffenen Bereichen beginnt dann stark zu brennen und zu jucken und bildet Quaddeln und Rötungen.

Nesselsucht – Wenn die Haut ständig juckt und brennt

Zu anderen Zeiten diente Juckreiz noch in erster Linie als ein sinnvolles Alarmsignal: Durch die mechanische Reibung beim Kratzen sollten Eindringlinge wie Parasiten, Flöhe oder Läuse entfernt werden. Bei einer chronischen Urtikaria stellt der Juckreiz dagegen die größte Qual des Patienten dar.

Fast alle Betroffene klagen über das unkontrollierbare Verlangen sich zu kratzen. Tagsüber leidet darunter die Konzentrationsfähigkeit, nachts raubt es den Menschen den Schlaf. Die Liste der möglichen Auslöser dafür ist lang und die Behandlung der Nesselsucht bis heute eine Herausforderung.

Interview mit dem Nesselsucht-Experten Prof. Marcus Maurer, Charité Universitätsmedizin Berlin

Interview mit Prof. Marcus Maurer, Charité Universitätsmedizin Berlin

Wenn ich heute mit Nesselsucht zu Ihnen komme, wie gut können Sie mir helfen?

Zunächst einmal müssten wir unterscheiden, ob Sie akut oder chronisch erkrankt sind. Eine akute Nesselsucht, die meist nur über wenige Tage auftritt, bekommen wir in der Regel gut in Griff. Die Einnahme von Antihistaminika führt meist zur raschen Linderung der typischen Nesselsucht-Beschwerden wie Juckreiz und Quaddelbildung. Diese Symptome klingen dann ohne weitere Folgen, wie zum Beispiel Narben, ab. Anders hingegen die Situation bei der chronischen Nesselsucht. Hier führt die Behandlung mit Antihistaminika nur bei jedem Zweiten zum Erfolg. Die andere Hälfte leidet immer wieder unter starkem Juckreiz, Quaddeln und Rötungen der Haut. Häufig treten zusätzlich Schwellungen – sogenannte Angioödeme – auf, die bevorzugt den Bereich Oberlippe oder Augenlid betreffen. In diesem Fall sind Patienten also durch Antihistaminika nicht ausreichend versorgt.

Betroffene leiden unter Juckreiz, Quaddeln, Rötungen und Schwellungen

Was machen Sie, wenn die Nesselsucht beim Patienten dauerhaft bleibt?

Wichtigster Therapieschritt ist die Suche nach Auslösern. Hier sind wir auf die Mithilfe der Patienten angewiesen, indem sie ein Nesselsucht-Tagebuch über ihre Beschwerden führen. Tag für Tag wird darin festgehalten, wie stark der Juckreiz und die Quaddeln aufgetreten sind, was gegessen und getrunken wurde und welche Medikamente eingenommen wurden. Außerdem ob die Betroffenen stärkeren Belastungen – wie zum Beispiel Stress – ausgesetzt waren. Mit Hilfe dieser Aufzeichnungen können wir oft mögliche Auslöser eingrenzen. In Frage kommen zum Beispiel der Kontakt mit Reizstoffen, Medikamenten, Nahrungsmitteln, Kälte, Licht und vieles mehr. Allerdings finden wir nur bei jedem Vierten einen relevanten Auslöser der Nesselsucht. Deshalb führen wir bei schwer und lange erkrankten Patienten im zweiten Schritt eine Ursachensuche mit Blutuntersuchungen oder Provokationstests durch. Leider führen uns auch diese Diagnose-Tools nicht immer zu einer behandelbaren Ursache.

Wie empfinden die Patienten ihre Situation?

Die Erkrankung bringt außerordentliche Belastungen mit sich – und nur jeder zweite Patient mit chronischer Nesselsucht bekommt mit den üblichen Antihistaminika seine Beschwerden unter Kontrolle. Die Betroffenen, bei denen die Beschwerden über Monate oder Jahre hinweg immer wieder auftreten, fühlen sich meist ihrer Erkrankung hilflos ausgeliefert. Viele fühlen sich besonders bei der Ausübung ihres Berufs gestört. Bei stark ausgeprägten Krankheitszeichen reichen die psychischen Begleiterkrankungen nicht selten von Angstzuständen bis hin zu schweren Depressionen. Trotz Einnahme selbst hochdosierter Antihistaminika, leiden sie unter dem starken Juckreiz und Schwellungen. Mit dieser Situation sind weder der behandelnde Arzt noch die Patienten zufrieden, darunter leidet natürlich auch das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt. Kein Wunder also, dass sich viele Patienten eine bessere Behandlungsmöglichkeit ihrer Leiden wünschen.

 Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patienten