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„Ein göttliches Geschenk“

  

Im Laufe der Jahrhunderte hat sich unser Blick auf die Haut und die verschiedenen Behandlungsmethoden deutlich gewandelt. Logik und naturwissenschaftliche Methodik haben spirituelles Denken ersetzt. Gleichzeitig hat sich auch unser Blick auf Schönheit verändert. Ein Gespräch mit dem Dermatologen Professor Ernst G. Jung, Begründer des Lehrbuchs „Dermatologie“ und des Fachbuchs „Kleine Kulturgeschichte der Haut“.

Skabies ist eine parasitäre Hautkrankheit, die durch Milben verursacht wird. Die Milbenweibchen legen in die Oberhaut Kotballen und Eier ab. Die Folgen sind unter anderem Ausschlag und starker Juckreiz.

  

Herr Professor Jung, Ihre Kulturgeschichte der Haut reicht über viele Jahrtausende. Welche Ereignisse haben unser Bild von der Haut entscheidend geprägt?

Jung___Wenn wir über Wendepunkte sprechen, dann ist Skabies, also die Krätze, ein sehr schönes Beispiel. Skabies gab es schon immer und unsere Vorfahren litten besonders unter ihr. Als die Menschen vor 10.000 Jahren ihre Höhlen und Wälder verließen und die Flussebenen eroberten, sind sie buchstäblich aus dem Schatten in die Sonne getreten. Bei der Feldarbeit haben sie sich Sonnenbrände geholt und geschält. Dabei wurden bis zu 95 Prozent der Skabies entfernt.

  

Sonnenbrand als Heilmethode?

Jung___Natürlich ist der Sonnenbrand unangenehm. Aber danach waren die Menschen drei Wochen ohne Juckreiz. Das muss ein himmlisches Erlebnis gewesen sein. Die Menschen müssen vorher ständig unter Juckreiz gelitten haben.

Wussten die Menschen von der Wirkung der Sonne auf ihre Haut?

Jung___Zuerst wussten sie wahrscheinlich nicht, woran es lag. Aber irgendwann haben sie gemerkt: wenn ich eine Zeitlang in die Sonne gehe, habe ich zwar durch den Sonnenbrand zuerst etwas Ärger, aber dann habe ich erst einmal drei Wochen Ferien. Dieser Umstand hat dazu beigetragen, dass man die Sonne zu einer immer höheren göttlichen Figur entwickelt hat. Es war zwar bestimmt nicht der einzige Grund, aber sicher ein sehr wichtiger.

Das Wohlbefinden wurde also nicht der Sonne zugeschrieben, sondern einer Gottheit?

Jung___Der Juckreiz war ein so großes, die geistige Freiheit beeinflussendes Element, dass es als ein vom Sonnengott gegebenes göttliches Geschenk galt, von ihm befreit zu sein.

Strichzeichnung aegyptische Kaempfer

(Eigene Darstellung)

Strichzeichnung Sonnengott

(Eigene Darstellung)

 

Die ersten Peelings.

Jung___Ja, wenn man so will. An sich war diese Behandlung nicht für die Haut alleine gedacht, sondern sollte das gesamte Wohlbefinden stärken. In bestimmten Fällen sollten Menschen durch die Behandlung auch von einem göttlichen Bann befreit werden. Die Mittel hatten aber eben auch einen schwachen Peelingeffekt. Krankheiten, die auf einen Parasitenbefall zurückzuführen waren, konnten so zum Teil behandelt werden. Die Menschen erfuhren eine gewisse Linderung – nur dass eben der Effekt dem Ritual und dem Wohlwollen der Gottheit zugeschrieben wurde und nicht der Wirkung der verwendeten Mittel.

Wie wichtig waren religiöse Rituale?

Jung___Der spirituelle Hintergrund war lange Zeit bestimmend. Ich kann dafür ein zweites Beispiel nennen: In der Hochkultur von Mesopotamien entwickelte man Rituale, bei denen Menschen mit Pasten und kleinen Bällchen bestrichen wurden. Es waren schwache Schälmittel.

  

Viele Sagen und Märchen berichten von Figuren, deren Haut Besonderheiten aufweist, etwa die Sage von Siegfried, dem Drachentöter, dessen Haut bis auf eine Stelle an der Schulter durch das Blut eines Drachen gehärtet und unverwundbar geworden war. Gibt es irgendwo in diesen Geschichten einen medizinischen Hintergrund?

Jung___Bei Siegfried könnte das zugrunde liegende Modell die feste Haut bei einer Sklerodermie sein, die auch Panzerhaut genannt wird. Aber die Betroffenen sind alles andere als unverwundbar. Sie sind regelrecht eingeschweißt in ihrer Haut. Das Motiv der unverwundbaren Haut findet sich übrigens schon bei den alten Griechen: Achilles wurde von seiner Mutter im Feuer gehärtet. Nur dort, wo sie ihn gehalten hatte, an der Ferse, da war er verwundbar.

Sie schildern in Ihrem Buch auch das Märchen von Hans, dem Igel, einem Menschen mit der Haut eines Igels. Das Igelkleid wird in der Hochzeitsnacht verbrannt, Hans wird von einem Arzt mit Salben behandelt, bis er wieder weiße Haut hat. Können wir aus Märchen Informationen zu alten Krankheitsbildern oder Behandlungsmethoden ziehen?

Jung___Es ist spannend, sich darüber Gedanken zu machen. Aber es bleibt bei Vermutungen. Es ist sehr schwer, die Krankheiten rückblickend zuzuordnen. Je weniger man weiß, umso weniger versteht man, desto eher tritt man ins Fettnäpfchen. Aber es ist durchaus möglich, dass man bei Recherchen auf Krankheiten stößt, die schon vor mehreren Hundert Jahren beschrieben wurden.

Was macht den Feirefiz für Sie als Dermatologen so bemerkenswert?

Jung___Es gibt die Theorie, dass von Eschenbach die gescheckte Figur auch deshalb entworfen hat, um seinem Herrscher gefällig zu sein, der eventuell einen Makel in seinem Äußeren hatte. Die Geschichte zeigt: Seht her, ein missgestalteter Ritter kann genauso stark sein, wie ein Ritter ohne Makel. Auf diese Weise wurde der Makel entschärft.

Sie haben sich bei Ihrer Arbeit auch mit dem mittelalterlichen Parzival-Epos von Wolfgang von Eschenbach auseinandergesetzt. Insbesondere die Figur des Feirefiz scheint es Ihnen angetan zu haben.

Jung___Feirefiz ist der Halbbruder des Parzival, geboren, wie es im Buch heißt, von einer dunklen Mutter arabischen Ursprungs. In der Geschichte wurde er als „gescheckt wie eine Elster“ beschrieben. Entsprechend wurde er auch dargestellt. Mit schwarzen und weißen Hautpartien. Feirefiz ist Parzival ebenbürtig. Er ist gleich stark, ein Held. Ein Kampf der beiden geht unentschieden aus.

Strichzeichnung Ritter Feirefiz

Der Name Feirefiz lässt sich aus dem Französischen herleiten und heißt so viel wie „bunter Sohn“. Der Erzähler hatte hier den Einfall, die Herkunft aus einer Verbindung von dunkler und weißer Hautfarbe mit einer Bezeichnung zu vergegenwärtigen, die sonst nur für Kleidung oder Pferde („Schecke“) gebräuchlich war. „Parzival“ von Wolfram von Eschenbach ist ein Versroman der mittelhochdeutschen höfischen Literatur, der vermutlich im ersten Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts entstand. Hauptquelle des Parzival ist der unvollendete Versroman Perceval le Gallois ou le conte du Graal/Li contes del Graal von Chrétien de Troyes, entstanden um 1180 und 1190. (Eigene Darstellung)

  

Was als schön gilt und was nicht hat sich im Laufe der Zeit wohl gewandelt.

Jung___Unser Blick auf Attraktivität hat sich geändert. Die attraktivsten Frauen waren früher diejenigen, die ein geburtsfähiges Becken hatten und genügend Reserven aufwiesen, um die Kinder zu stillen. Diese Faktoren sind in unserer Zeit nicht mehr bestimmend. Die neue Attraktivität hat nicht mehr die Aufgabe, Aufzucht und Ernährung zu sichern. Die Partnerwahl ist nicht mehr ein einmaliges Ereignis, sondern ein lebenslanges Unterfangen – von beiden Seiten, Männern und Frauen gleichermaßen.

Strichzeichnung Aussatz

Bei der Darstellung von Hautkrankheiten, wurden im Mittelalter lange keine Unterschiede zwischen Krankheitsbildern gemacht. Man sprach schlicht von „Aussatz“ (Eigene Darstellung)

Was heißt das für unsere Schönheitsideale?

Jung___Es hat ein Spiel der Attraktivitätsoptimierung begonnen, mit all seinen Auswüchsen. Sei es mit aufgetragenen oder permanenten Methoden. Schließlich wirkt die Betonung ins Extreme sehr hässlich. Ein Beispiel sind etwa überdimensionierte, aufgespritzte Lippen. Der Mund wird in seiner Form und seiner Größe manipuliert.

Foto Professor Ernst Jung

  

  

Aber wurde nicht immer schon versucht, mit Kosmetik ein möglichst schönes Gesicht zu formen?

Jung___Das kann man so nicht sagen. Die Bemalung der Gesichter hatte bei den alten Völkern oft einen rituellen Hintergrund oder sollte eine Stammeszugehörigkeit ausdrücken. Sie war bei weitem nicht  nur als Dekoration gedacht. Der Aufwand, der für Kosmetik betrieben wurde, verlief in den letzten 2000 Jahren in Wellen. Im 30-Jährigen-Krieg war die Kosmetik natürlich nicht so wichtig wie die Ernährung. Sie war immer dann wichtig, wenn Zeit und Energie nicht in Ernährung oder Sicherheit investiert werden mussten.

  Strichzeichnung Fresko Triumph des Todes

Im Campo Santo in Pisa findet sich eine der ersten Darstellungen eines Lepra-Kranken. Das Fresko „Triumph des Todes“ wurde zu Beginn des 14. Jahrhunderts in Auftrag gegeben. (Eigene Darstellung)

Kosmetik als kulturelle Errungenschaft?

Jung___Wenn es den Völkern besonders gut ging, hatten sie die Zeit für Naturbetrachtungen, für die Pflege der Gedanken und auch für die Selbstdarstellung. In solchen Phasen begann das Feinspiel des sozialen Lebens. Auch daraus kann man das Wort Wende herauslesen.

  

  

Wann war bei Ihnen der Zeitpunkt, dass Sie begannen, sich mit den kulturgeschichtlichen Aspekten des Themas "Haut" zu beschäftigen?

Jung___Irgendwann mit der Zeit interessiert man sich auch für die Vorgeschichte seines Faches. So ging es mir zumindest. Nach der Emeritierung habe ich als Gasthörer viele verschiedene Fächer besucht: Kunst, Geschichte, Religionswissenschaften. Bei vielen Themen ist mir aufgefallen: Es gibt einen Bezug zur Haut

Kann man so weit gehen, dass die Beschäftigung mit der Geschichte auch einen Kompass für die Arbeit im Hier und Jetzt darstellen kann?

Jung___Sie dient der geistigen Abrundung. Und natürlich ist es spannend, diese ganzen Bezüge in der Kulturgeschichte zu erkennen, die allesamt etwas mit dem Thema Haut zu tun haben.

 

Herr Prof. Jung, wir danken Ihnen für das Gespräch.

  

Zur Person: Professor Dr. med. Ernst G. Jung war 25 Jahre lang Direktor der Universitätsklinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie Mannheim und Herausgeber der Zeitschrift „Aktuelle Dermatologie“. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, unter anderem in mehreren Auflagen das Lehrbuch „Dermatologie“, erschienen bei Thieme. Professor Jung wurde am 3. März 1932 in Winterthur in der Schweiz geboren. Nach dem Studium in Lausanne, Kiel und Zürich wurde er an der Dermatologischen Klinik in Zürich zum Facharzt für Dermatologie ausgebildet. Zwischen 1965 und 1975 war er in der Universitäts-Hautklinik Heidelberg leitender Oberarzt. 1975 übernahm er die Direktion der Hautklinik Mannheim, die er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2000 leitete. Zu seinen klinischen und experimentellen Schwerpunkten zählten Lichtbiologie, Fotodermatologie, klinische Genetik und Dermatoonkologie. 1991 wurde Professor Jung für seine Forschung in Ulm mit dem Gottron-Just-Wissenschaftspreis ausgezeichnet.

Veröffentlichungen Prof. Ernst G. Jung

Dermatologie - 7., komplett überarb. und erw. Aufl. Moll, Ingrid [Hrsg.]; Augustin,
Matthias; Jung, Ernst G. [Begr.] , 2010, Stuttgart [u.a]: Thieme, 2010
Kleine Kulturgeschichte der Haut, Jung, Ernst G. [Hrsg.] , Darmstadt: Steinkopff,
2007
Biologic effects of light 1993, Jung, Ernst G. [Hrsg.] , Berlin [u.a.]: de Gruyter,
1994
Licht und Hautkrebse : Modelle und Risikoerfassung; Ernst G. Jung; Berlin;
Heidelberg [u.a.]: Springer, 1982