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Wie Veränderungen Geschichte machen

Durchbruch

Wie etablieren sich neue Ideen? Wie reagiert die Gesellschaft auf Veränderungen – und warum? Wie wird eine Neuerung schließlich zum Alltag? Die Autorin Miriam Elmers hat zur Geschichte von Innovationen recherchiert. Das Fazit: Das Muster ist seit Jahrhunderten weitgehend gleich. Bevor sich die große Mehrheit auf etwas Neues einlässt, ist sie skeptisch – egal, ob es sich um medizinische, gesellschaftliche oder technische Innovationen handelt. Und es gibt menschliche Gründe, warum das so ist. Aber: Gute Ideen haben immer auch Chancen, sich durchzusetzen.

Deutschland im 18. Jahrhundert. Ein Phänomen greift um sich, von dem das Etablissement nicht weniger als den Verfall der Sitten, den Verlust von Gesundheit und Moral befürchtet. Gerade Frauen sollen höchst gefährdet sein, die Jugend sowieso. Zeitverschwendung, hohes Suchtpotenzial, törichter Missbrauch: Die schier nicht aufzuhaltende „Romanleserey“, Folge einer immens steigenden Buchproduktion, erscheint vielen der Anfang vom Ende der Kultur zu sein. Der Privatgelehrte und Philosoph Johann Adam Bergk etwa empört sich über die „geschmack- und gedankenlose Lektüre“. Die Folge sei „unsinnige Verschwendung, unüberwindliche Scheu vor jeder Anstrengung, grenzenloser Hang zum Luxus, Unterdrückung der Stimme des Gewissens, Lebensüberdruss und ein früher Tod“.1

Illustration Wegweiser

Lieber Radio-Vasen als Taschenbücher

Wie heute hinlänglich bekannt, hat die Menschheit es trotzdem getan – hat begonnen, Romane zu lesen, und ist trotz allem einigermaßen unversehrt geblieben. Und sie konsumiert heute sogar Taschenbücher: ein Medium, das in seinen Anfangszeiten ebenfalls deutliche Skepsis 

hervorrief. So berichtete der Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, dass ein Bankier lieber einem „Kerl, der in Vasen Radios einbaute“, Geld gab – und nicht ihm für seine neu entwickelten Bücher im Hosentaschenformat. Die Vasen-Radio-Firma übrigens sei Pleite gegangen.2 Nicht so die von Rowohlt – irgendein Taschenbuch steht heute in jedem Schrank.

Illustration Buecher

Veränderung bedeutet Risiko

Rowohlt und der Vasenhersteller – beide sind ein Risiko eingegangen, das Risiko, etwas Neues zu wagen. Der eine hatte Erfolg, der andere nicht. Und genau das ist einer der Gründe, warum es neue Ideen oft so schwer haben: Niemand weiß vorher, was sich am Ende durchsetzen wird und was nicht. Ob es sich lohnt, daran zu glauben, ob Weltruhm folgt, die völlige Pleite oder etwas dazwischen. „Innovation ist kein vorhersagbarer Prozess“, resümiert denn auch Prof. Dr. Oliver Gassmann vom Institut für Technologiemanagement der Universität St. Gallen, der sich in seinem Buch „33 Erfolgsprinzipien der Innovation“3 ausführlich mit den Geheimnissen der Veränderung beschäftigt. 

Gerade wenn es um grundlegende Neuerungen geht, bleiben vermutlich ungezählte Ideen schon im Anfangsstadium stecken. Denn was nicht da ist, fehlt ja nicht: Bevor die ersten Romane erschienen, hat niemand diese Bücher vermisst – genauso wenig, wie sich die Mehrheit vor wenigen Jahrzehnten das Internet gewünscht hätte. In einer Umfrage von 1899 wurde in der „Berliner Illustrirten

 Zeitung“ nach der größten Erfindung des ausgehenden Jahrhunderts gefragt. Die Leser nannten Eisenbahn, Gummischuhe und Ansichtskarte – nicht aber das Auto.4 „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung“, äußerte sich bei anderer Gelegenheit gar Kaiser Wilhelm II persönlich, obwohl er durchaus technikinteressiert gewesen sein soll.5

Illustration Veraenderungen

Gewohnheiten geben Sicherheit

Dabei sind es nicht nur die grundlegenden Veränderungen, die Skepsis hervorrufen – die stellt sich bereits sehr viel früher ein. Gewohnheiten, Erfahrungen und eingespielte Muster sind entscheidende Gründe für uns Menschen, am Vertrauten festzuhalten. Und das ist zunächst einmal nicht nur gut, sondern lebensnotwendig: 

Jeden Tag bekommen wir unzählige Informationen aus unserer Umwelt – visuelle, akustische, haptische. Diese Informationen gleichen wir mit unseren Erfahrungen ab, ordnen sie ein, setzen Prioritäten. Ist das Geräusch des herannahenden Autos wichtig? Wenn wir die Straße überqueren wollen, ja. Wenn wir einfach am Fenster stehen, nein. Was sagt uns der blaue Himmel, das Weinen des Kindes, das Klingeln des Telefons? Ständig 

müssen wir reagieren, Entscheidungen treffen darüber, was wir sagen und was nicht, was wir tun und was wir lassen. „In unserem Hirn läuft eine ständige Musterbildung ab, indem Meme (kulturelle Informationseinheiten, analog zu Genen) und Ängste, Erwartungen und Vermeidung gegeneinander abgewogen werden“, erklärt der renommierte Zukunftsforscher Matthias Horx in seinem Buch „Das Megatrend Prinzip“.

Illustration eines Schranks mit Schubladen

Illustration Hände

Und mehr noch: In einem Umfeld, das wir kennen, fühlen wir uns geborgen. Wir verstehen die Welt – unsere Welt. Etwas grundsätzlich Neues dagegen stört die gewohnte Ordnung. „Das Gehirn trachtet immer danach, Dinge zu automatisieren, Gewohnheiten auszubilden, und es besetzt dies mit deutlichen Lustgefühlen“, schreibt Hirnforscher Gerhard Roth von

 der Universität Bremen in seinem Buch „Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten. Warum es so schwierig ist, sich und andere zu ändern“. „Am Bewährten festzuhalten vermittelt das Gefühl der Sicherheit, Geborgenheit und Kompetenz und reduziert die Furcht vor der Zukunft und dem Versagen.“7

 

Und es gibt Veränderungen – trotzdem

Risikovermeidung, Gewohnheit, Lustgefühle: Es gäbe also gute Gründe, auf Veränderungen ganz zu verzichten. Dennoch tut die Menschheit das nicht. Wie aber verträgt sich das Festhalten an Vertrautem mit dem durchaus verbreiteten Wunsch, modern zu sein? Und mit der Tatsache, dass die Entwicklung der Menschheit doch immer rasant weitergeht, es ständig Erfindungen und neue gesellschaftliche Entwicklungen gibt und geben wird? Es ist ja durchaus 

so, dass Veränderungen oft gewollt sind – mehr Gesundheit, mehr Sicherheit, mehr Bequemlichkeit sind immer willkommen. „Die Sehnsucht nach innerer Wandlung ist groß“, befindet denn auch Matthias Horx in seinem „Buch des Wandels“.8 Er zitiert dann aber umgehend Werner Tiki Küstenmacher, der in seinem Buch „Simplify your life“ an einem sehr naturnahen Beispiel erklärt, warum wir uns dennoch so schwer tun mit dem Neuen: 

„Viele Menschen bleiben Raupen, weil sie Angst vor der Veränderung haben. Sie wollen die Komfortzone nicht verlassen. Eine Raupe hat aber nur eine Chance, Schmetterling zu werden: die große Krise, den kleinen Tod. Das Lebensziel erreicht nur, wer den Weg in die Dunkelheit wagt. Wer loslässt und sich verpuppt.“ Den Weg in die Dunkelheit, ins Unbekannte wagen: Genau das ist es, vor dem viele von uns zurückschrecken. Bequeme Veränderung, die bereits erprobt ist, die kaum wehtut, bei der wir grundsätzlich die Kontrolle erhalten: gerne. Aber mehr? Vielleicht doch nicht. Jedenfalls noch nicht.

Illustration Weg

Von der Innovation zur Selbstverständlichkeit
Ob die „Romanleserey“ oder das Auto, ob Computer, Fernseher oder Modetrend: Die Etablierung von Innovationen im Alltag zeigt häufig ähnliche Muster. Zunächst herrscht Unverständnis: Was soll das? Wer braucht das? Dann die Überzeugung, es sei eine vorübergehende Erscheinung. Dann die Erkenntnis, dass die Neuerung offenbar existenzfähig ist – verbunden häufig mit der Sorge, es sei gefährlich, vor allem für die Jugend. Irgendwann folgt die Einsicht in einen möglichen Nutzen – bis die Innovation endgültig im Alltag ankommt – und fortan keine Innovation mehr ist, sondern eine Selbstverständlichkeit.

Von der Innovation zum Alltag

Damit eine Veränderung zur Mode und dann zur Selbstverständlichkeit wird, ist viel Mut erforderlich. Oft hängt es an einzelnen Menschen, die etwas zum ersten Mal tun. Die sich für das einsetzen, was sie für richtig, gut, schön, fortschrittlich halten – auch wenn sie damit anecken. Es sind die Erfinder, die Pioniere, die vorangehen. Und natürlich die Trendsetter, die die Innovation als Erste in die Welt hinaustragen. Eben all diejenigen, die unverbrüchlich an ihre Idee glauben, auch wenn noch nicht klar ist: Funktioniert sie? Wird sie sich durchsetzen? Werden die Leute lachen? Oder einen für verrückt erklären?

Carl Benz etwa hat seine frühe Automobilentwicklung konsequent verfolgt, auch wenn die Anfänge nicht eben inspirierend waren. „Mein erster Kunde war ein Verrückter und ich musste den Kauf rückgängig machen. Mein zweiter war ein Todeskandidat: Er wollte noch etwas erleben, verstarb aber schon, bevor der Wagen geliefert werden konnte“, soll er erzählt haben.9 Der Medizinpionier und Landarzt Edward Jenner war so überzeugt von seinem Pockenimpfstoff, dass er ihn an seinem eigenen Sohn testete

 – mit Erfolg.10 Plakative Alltagsbeispiele finden wir heute in jeder Modezeitschrift: Da werden in schöner Regelmäßigkeit und mit hämischen Bemerkungen versehen Fotos von Prominenten veröffentlicht, die sich modisch etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt haben. Zumindest aus unserer Gegenwartssicht: Nächstes Jahr machen wir vielleicht alle mit und finden das schön, was heute noch schräg ist – dann, wenn es Mainstream ist und keiner mehr lacht.

Illustration Auto

„ Du siehst Dinge und fragst `Warum?´
Doch ich träume von Dingen und
sage ´Warum nicht?´“11

 „Der vernünftige Mensch passt sich der Welt an“, so drückte es einst der irische Schriftsteller George Bernard Shaw aus – und das kann man durchaus als eine Zusammenfassung für das Wesen der Veränderung ansehen. „Der unvernünftige Mensch besteht darauf, dass sich die Welt nach ihm zu richten hat. Deshalb hängt jeder Fortschritt von dem unvernünftigen Menschen ab.“12

Quellen:

1 Bergk JO: Die Kunst, Bücher zu lesen. Jena 1799, E-Book S. 412, URL: http://books.google.de.
2 Hackhausen J: Rotation und Romane. In: Handelsblatt online, 10.11.2006.
3 Gassmann O: 33 Erfolgsprinzipien der Innovation. München 2012, S. 3.
4 Stegemann B: 125 Jahre Automobil. Von 1886 bis 1910 – Als die Autos laufen lernten. In: Auto Motor und Sport, Heft 4/2011, 17. Februar 2011.
5 Maxeiner D, Miersch M: Wir glauben an das Pferd. In: Die Welt, 30.12.2005.
6 Horx M: Das Megatrend Prinzip. Wie die Welt von morgen entsteht. München 2011, S. 9.
7 Roth G: Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten. Warum es so schwierig ist, sich und andere zu ändern. Stuttgart 2007.
8 Horx M: Das Buch des Wandels. Wie Menschen Zukunft gestalten. München 2009, S. 1.
9 Mohr J: Treibstoff aus der Apotheke. In: Der Spiegel – Geschichte, Heft 3/2013, 28.05.2013.
10 Strohmeyr A: Verkannte Pioniere. Wien, Graz, Klagenfurt 2013, S. 10 ff.
11 Shaw GB: Back to Methuselah. 1921.
12 Meyer S: Anleitung zum Unvernünftigsein. In: Eckstein/Liebetrau/ Meinecke/(Hrsg.): Insurance & Innovation, Karlsruhe 2011, S. 103.